ZIVILCOURAGE

 

Zivilcourage – Bürgermut – ist Teil des bürgerschaftlichen Engagements, also der Übernahme von Verantwortung, des Eintretens der Bürgerinnen und Bürger für die Belange unserer Gesellschaft, für den gesellschaftlichen Zusammenhalt, für Solidarität und Teilhabe.

 

Zivilcourage ist für unsere demokratische Gesellschaft unerlässlich. Sie beginnt schon mit der Bereitschaft, seine eigene Meinung zu vertreten, mutig für seine Überzeugungen und Werte einzustehen – und nicht erst dann, wenn es darum geht, Menschen zu helfen, die in Not oder Gefahr sind, auch wenn es im Folgenden um diesen Teil der Zivilcourage gehen wird.

 

Der Mut des Einzelnen, unerschrocken einzugreifen, wenn andere Menschen in Not oder Gefahr sind, Unterstützung und Hilfe benötigen, genau hinzusehen und wahrzunehmen, was passiert, statt wegzuschauen, ist eine der Antworten, die wir auf Gewalt geben können.

 

Die für die Sicherheit und Kriminalitätskontrolle originär zuständigen Instanzen Polizei und Justiz können noch so gut personell und organisatorisch aufgestellt sein, noch so aktiv und motiviert bei der Erfüllung ihres Auftrages – erfolgreiche Kriminalitätskontrolle braucht auch engagierte Bürgerinnen und Bürger.

 

Zivilcourage ist von jedem von uns gefordert. Es darf niemandem gleichgültig sein, wenn Personen belästigt oder gar geschlagen werden, wenn Sachen beschädigt oder verunstaltet werden. Denn Gleichgültigkeit begünstigt Kriminalität, Gewalt und Verwahrlosung.

 

Deshalb ist es erfreulich, dass sich viele Menschen couragiert verhalten, hilfsbereit sind und an ihren Mitmenschen Anteil nehmen. Allerdings passiert es auch immer wieder, dass Menschen, die bei einem Unfall oder einer Straftat etwas tun könnten, nicht helfen. Dabei liegt deren „Wegsehen“ häufig nicht an Gleichgültigkeit oder Angst, sondern daran, dass sie sich von der Situation überfordert fühlen, weil sie sich nie Gedanken dazu gemacht haben und sich sorgen, etwas falsch zu machen und sich dann vor allen anderen zu blamieren.

 

Sicher: Couragiert zu handeln kann nicht perfekt sein, es ist schwierig und mit Risiken verbunden. Aber: Wir können uns vornehmen so zu handeln, denn Zivilcourage beginnt im Kopf! Couragiertes Verhalten können wir fördern, indem wir uns mit Gewalt-Szenarien auseinandersetzen bevor sie geschehen. Wenn wir Zeuge einer Gewalttat werden, ist es dazu meist zu spät. In diesem Augenblick müssen schnell Entscheidungen getroffen werden. Es bleibt keine Zeit zu überlegen, was man tun will, keine Zeit, genau abzuwägen, ob man lieber zusehen, wegschauen oder eingreifen will.

 

Wir können lernen hinzusehen und mutig zu sein – wozu auch gehört, sich die eigenen Fähigkeiten und Grenzen bewusst zu machen. Jeder kann – und sollte! - nach seinen Möglichkeiten handeln. Man kann Zivilcourage lernen, aber Zivilcourage ist auch ein lebenslanger Lernprozess, der von der handelnden Person geleistet werden muss. Mut allein reicht nicht!

 

Nicht jeder ist in der Lage, selbst einzugreifen – und auch nicht jede Situation lässt ein aktives Eingreifen zu. Aber wohl (fast) jeder ist in der Lage, Hilfe zu organisieren. Bewährt haben sich „6 praktische Regeln für mehr Sicherheit im Alltag“, die von der Polizei zusammen mit anderen Akteuren entwickelt wurden, damit wir im Fall des Falles für andere eintreten können, ohne uns selbst in Gefahr zu bringen:

  1. Ich helfe, ohne mich selbst in Gefahr zu bringen.
  2. Ich fordere andere aktiv und direkt zur Mithilfe auf.
  3. Ich beobachte genau, präge mir Tätermerkmale ein.
  4. Ich organisiere Hilfe unter Notruf 110.
  5. Ich kümmere mich um Opfer.
  6. Ich stelle mich als Zeuge zur Verfügung.

 

Eingreifen heißt immer, einen Konflikt zu entschärfen, ohne selbst gewalttätig zu werden. Manchmal hilft schon ein lautes Wort, um den Täter einzuschüchtern und von seinem Vorhaben abzubringen. Wenn es möglich ist, sollte man Verbündete suchen, mit denen man gemeinsam aktiv werden kann. Dann können auch Aufgaben verteilt werden: Einer spricht das Opfer an und schützt es, ein anderer ruft die Polizei. Idealerweise fokussiert man sich ohnehin auf das Opfer und nicht auf den Angreifer. So kann eine Eskalation des Konfliktes vermieden werden. Auf keinen Fall sollte der Täter geduzt, angefasst oder provoziert werden.

 

Nicht zögern, sondern sofort handeln: Je länger man zögert, umso schwieriger wird es einzugreifen. Wenn möglich, sollte Öffentlichkeit hergestellt und Umstehende gezielt angesprochen und mit in die Verantwortung genommen werden.

 

Wenn man nicht eingreifen kann oder will – manchmal ist es auch die bessere Lösung, nicht einzugreifen – auch dann gilt es, die Polizei zu alarmieren und ein (möglichst) guter Zeuge zu sein.


„Hinsehen Handeln Helfen ... ohne sich dabei selbst in Gefahr zu bringen“ – das ist auch das Motto der Goslarer Zivilcouragekampagne, die seit 2010 mit Aktionsplakaten, Postkarten, Filmen, Kinospots, Zeitungsanzeigen und Vorträgen bundesweit „Mut zur Zivilcourage“ macht. Und das mit nachhaltiger Wirkung, wie die Evaluation der Kampagne gezeigt hat. Im Interesse der Opfer aber auch in dem unserer demokratischen Gesellschaft wünsche ich der Goslarer Zivilcouragekampagne weiterhin viel Resonanz!


Zur Person:

Frau Dr. Wiebke Steffen hat ein Studium der Soziologie, Politischen Wissenschaft, Wirtschafts-  und Sozialgeschichte an den Universitäten Hamburg und Freiburg absolviert. Abschlüsse: Magister Artium und Promotion zum Dr. phil.

Nach Tätigkeit als wissenschaftliche Referentin am Max-Planck-Institut für   ausländisches und internationales Strafrecht, Forschungsgruppe Kriminologie,  erfolgte 1978 der Wechsel zum Bayerischen Landeskriminalamt in München.

Bis zum  Ausscheiden aus dem aktiven Dienst Ende 2006 zunächst Leiterin der  Kriminologischen Forschungsgruppe der Bayerischen Polizei, dann ab 1994  Leiterin des Dezernates „Forschung, Statistik, Prävention“. Von 1997 bis 2006  Vorsitzende der Kommission Polizeiliche Kriminalprävention der Länder und des  Bundes (KPK) und in dieser Funktion auch Mitglied der Projektleitung  Polizeiliche Kriminalprävention der Länder und des Bundes (PLPK).

Seit Ende  2010 Vorsitzende des Fachbeirats Vorbeugung und Mitglied des Vorstandes des  WEISSEN RINGS e.V. Die Arbeits-  und Forschungsschwerpunkte liegen in der Politik- und Praxisberatung,   insbesondere durch die Erstellung kriminologisch-sozialwissenschaftlicher  Gutachten. 

Seit 1997  Mitglied im Kongressmanagement und Programmbeirat des Deutschen  Präventionstages mit der Funktion „Wissenschaftliche Beratung und  Gutachtenerstellung“.

Seit 2007 wurden Gutachten zum jeweiligen   Schwerpunktthema des Deutschen Präventionstages erstellt und veröffentlicht.

(Quelle: www.praeventionstag.de/nano.cms/experten/autor/78)